Kachexie: Wenn der Körper immer weiter abbaut

Symposium bringt internationale Spitzenforschung nach Wien – und rückt eine häufige, aber wenig bekannte Folge von Krebs und anderen schweren Erkrankungen ins öffentliche Bewusstsein


Patientinnen und Patienten mit Kachexie verlieren oft unfreiwillig Körpergewicht, insbesondere Muskelmasse, werden zunehmend schwächer und sprechen auf medizinische Therapien schlechter an. Trotzdem ist Kachexie außerhalb der Medizin kaum bekannt.

Das erste Symposium des Vienna Cachexia Network (Vi-CaN) an der Medizinischen Universität Wien bringt am 8. Oktober 2026 internationale Expertise aus Krebsforschung, Stoffwechselforschung, Immunologie, Ernährungsmedizin und Palliativmedizin zusammen. Im Zentrum steht eine Frage von großer Bedeutung für viele schwer erkrankte Menschen: Warum beginnt der Körper, seine eigenen Energiereserven und Muskeln abzubauen – und wie lässt sich dieser Prozess aufhalten?

Kachexie ist eine komplexe Folge schwerer und chronischer Erkrankungen. Besonders häufig tritt sie bei Krebs auf, kann aber auch Menschen mit Herz- oder Lungenerkrankungen, chronischen Nieren- und Lebererkrankungen, schweren Infektionen oder anderen entzündlichen Erkrankungen betreffen. Weltweit sind Millionen Menschen betroffen.

Anders als gewöhnlicher Gewichtsverlust lässt sich Kachexie nicht einfach durch mehr Nahrungszufuhr rückgängig machen. Der Stoffwechsel des gesamten Körpers ist verändert und insbesondere Muskelgewebe wird zunehmend abgebaut.

„Kachexie wird noch immer häufig als Gewichts- oder Ernährungsproblem wahrgenommen. Tatsächlich handelt es sich um eine systemische Erkrankung, bei der Immunsystem, Stoffwechsel, Gehirn und verschiedene Organe miteinander kommunizieren und sich gegenseitig beeinflussen“, erklärt Andreas Bergthaler von der Medizinischen Universität Wien und Vi-CaN Mitbegründer.

„Wenn wir verstehen, wie der Körper in diesen anhaltenden Abbauzustand gerät und warum manche Patientinnen und Patienten stärker betroffen sind als andere, können wir neue Strategien für Früherkennung und Therapie entwickeln.“

Der ganze Körper gerät aus dem Gleichgewicht

In der Forschung hat sich das Verständnis von Kachexie in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Lange standen vor allem Appetitverlust, Mangelernährung und Entzündung im Vordergrund. Heute wird Kachexie zunehmend als eine Erkrankung verstanden, bei der die Kommunikation verschiedener Organsystemen aus dem Gleichgewicht gerät.

Botenstoffe des Immunsystems, Hormone, Nervensignale und Stoffwechselprodukte beeinflussen den Energiehaushalt des Körpers. Gerät diese Kommunikation dauerhaft aus dem Gleichgewicht, mobilisiert der Körper zunehmend Energiereserven und baut insbesondere Muskelgewebe ab.

Das erklärt auch, warum Ernährung allein bei vielen Betroffenen nicht ausreicht. Aktuelle Behandlungskonzepte kombinieren die bestmögliche Therapie der Grunderkrankung mit Ernährung, Bewegung und Physiotherapie. Gleichzeitig wächst die Hoffnung auf Medikamente, die gezielt in jene biologischen Signalwege eingreifen, die den krankhaften Abbau antreiben.

Internationale Expertise in Wien

Beim ersten Vi-CaN Symposium unter dem Titel „Cachexia at the Crossroads: Where Metabolism, Immunity and Cancer Meet“ diskutieren internationale Fachleute aktuelle Erkenntnisse und neue Forschungsstrategien. Zu den Hauptvortragenden zählen Vickie Baracos von der University of Alberta (Kanada), Stephan Herzig vom Helmholtz Zentrum München (Deutschland), Sheng Hui von der Harvard University und Eduardo Bruera vom MD Anderson Cancer Center in den USA.

Neben diesen Vorträgen präsentieren Nachwuchswissenschafterinnen und Nachwuchswissenschafter ihre aktuellen Forschungsprojekte. Ziel des Symposiums ist es, unterschiedliche Forschungsbereiche zusammenzubringen und Kachexie disziplinenübergreifend und ganzheitlich zu betrachten – von der molekularen Grundlagenforschung über Stoffwechsel und Immunologie bis zur klinischen Medizin und Palliativversorgung.

Kachexie früher erkennen und gezielter behandeln

Eine zentrale Herausforderung bleibt die Früherkennung. Wenn ein deutlicher Verlust an Muskelmasse und Körpergewicht sichtbar wird, ist der Prozess häufig bereits weit fortgeschritten. Forschende suchen deshalb nach biologischen Markern und klinischen Veränderungen, die eine frühere Diagnose ermöglichen und helfen, den Verlauf besser einzuschätzen. Ziel ist es, Kachexie möglichst früh zu erkennen und Behandlungen auf die einzelnen Patientinnen und Patienten abzustimmen.

Ebenso wichtig ist die Frage, warum Menschen mit vergleichbar schweren Erkrankungen so unterschiedlich auf Kachexie reagieren: Während manche ihre Muskelmasse und körperliche Funktion lange erhalten können, verlieren andere innerhalb kurzer Zeit deutlich an Kraft und Selbstständigkeit. Die Erforschung dieser Unterschiede könnte neue Ansatzpunkte für Prävention und Therapie liefern.

„Wir wollen Kachexie aus der Unsichtbarkeit holen“, sagt Eva Masel, Palliativmedizinerin an der Medizinischen Universität Wien und Vi-CaN Mitbegründerin. „Kachexie ist weit mehr als Gewichtsverlust. Wenn Muskelkraft und körperliche Reserven verloren gehen, verändert sich für die Betroffenen vieles: Sie können weniger selbstständig sein, verlieren Mobilität und Lebensqualität und manchmal auch die Möglichkeit, belastende Therapien fortzuführen. Deshalb müssen wir Kachexie frühzeitig erkennen und als Erkrankung des gesamten Körpers verstehen.“

Genau hier setzt Vi-CaN an: „Kachexie lässt sich nur verstehen und behandeln, wenn wir die verschiedenen Perspektiven zusammenbringen“, so Masel. „Wir brauchen Grundlagenforschung ebenso wie klinische und palliativmedizinische Expertise. Wien hat dafür eine außergewöhnliche Dichte an wissenschaftlicher und klinischer Kompetenz.“

Das Vienna Cachexia Network (Vi-CaN) wurde gegründet, um diese Expertise zu bündeln, Forschende und Klinikerinnen und Kliniker aus unterschiedlichen Disziplinen miteinander zu vernetzen und Wien als internationalen Hub für Kachexieforschung weiterzuentwickeln. Neben dem internationalen Symposium organisiert Vi-CaN regelmäßige wissenschaftliche Treffen und schafft damit eine nachhaltige Plattform für die Kachexieforschung in Wien.

Weitere Informationen:
Möglichkeit für Interviews mit den internationalen GastsprecherInnen auf Anfrage.

Vienna Cachexia Network (Vi-CaN) an der Medizinische Universität Wien
E-Mail: vi-can[at]meduniwien.ac.at
Website: www.meduniwien.ac.at/web/en/vienna-cachexia-network/

Univ. Prof. Dr. Andreas Bergthaler
Institut für Hygiene und Angewandte Immunologie
Zentrum für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie
Medizinische Universität Wien
E-Mail: andreas.bergthaler[at]meduniwien.ac.at

Univ. Prof. Dr. Dr. Eva Masel, MSc
Klinische Abteilung für Palliativmedizin
Univ. Klinik für Innere Medizin I
Medizinische Universität Wien
Email: eva.masel[at]meduniwien.ac.at