Parlamentarische Enquete zur "Würde am Ende des Lebens"

Die vierte und letzte öffentliche Sitzung der Enquete-Kommission wurde am 23. Jänner 2015 abgehalten. Bei den bisherigen Beratungen im Nationalratssitzungssaal zeigten sich erhebliche Lücken in der Hospiz- und Palliativversorgung und auch klarer Handlungsbedarf bei Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht.

Knapp 700 BürgerInnen haben ihre Stellungnahme per Mail gesendet, mehr als 100 ExpertInnen ihr Wissen und ihre Erfahrung zur Verfügung gestellt. Nach dieser letzten öffentlichen Sitzung plant das Gremium einen Endbericht an den Nationalrat mit konkreten Empfehlungen.

Eine auszugsweise Darstellung dieser 4. öffentlichen Sitzung finden Sie hier.

Über das Thema berichtete auch Gudrun Stindl von Ö1, Wissenschaft:

Ist ein Sterben in Würde in Österreich möglich?

Gibt es in Österreich überall Hospize, Stationen, Ärzte, die eine gute Betreuung ermöglichen? Oder muss man Glück haben, seelisch wie körperlich kompetent begleitet zu werden?

20 Prozent würden kompetente Hilfe benötigen

Es gleicht oft einem Lotteriespiel, ob man am Lebensende, gepeinigt von Schmerzen, medizinisch gut betreut wird oder nicht. Es gebe zu wenige Spezialisten, zu wenige Betten, sagt Dr. Dietmar Weixler, MSc., Vorstandsmitglied und Leiter der Arbeitsgruppe "Ethik in Palliative Care" von der Österreichischen Palliativgesellschaft, OPG.

"Eine fundierte Betreuung kann auf keinen Fall garantiert werden, so weisen z.B. die stationären Hospize einen eklatanten Platzmangel auf. Eine hochkompetente Hilfe in kurzer Zeit zu erfahren - nämlich dann, wenn man sie wirklich braucht - ist nicht gewährleistet."

Eine komplexe Spezialbetreuung braucht nicht jeder Sterbende, sagt Dr. Harald Retschitzegger, MSc., Präsident der OPG. Aber rund 20 Prozent würden eine solche benötigen, um in Würde und möglichst ohne Qualen gehen zu können.

"Wir brauchen Mediziner mit einem exzellenten Schmerztherapie-Know-How. Sie brauchen eine hohe Kompetenz bei der Linderung von belastenden Krankheitssymptomen, wie Atemnot, Übelkeit, Erbrechen, Angst. Dazu eine hohe Kommunikationsfähigkeit, das Geschick mit Menschen über diese schwierige Phase so sprechen zu können, dass sie den nahenden Tod annehmen können. Und es braucht die Fähigkeit, nicht nur den Betroffenen zu sehen, sondern ihn als Teil eines Familiensystems anzuerkennen - hier zwischen Patient und Familie zu vermitteln, kann die Lebensqualität am Ende verbessern."

Facharzt für Palliative Care gefordert

Nicht jeder Arzt, nicht jede Ärztin hat das Spezialwissen, Schwerstkranke und betagte, demente Menschen am Lebensende zu betreuen, sagen Experten. Aus diesem Grund sollte - so die Forderung - die Palliativmedizin einen adäquaten Stellenwert im Gesundheitswesen bekommen und auf eine Ebene gestellt werden mit z.B. Innerer Medizin, Chirurgie bzw. Geriatrie.

Univ.Prof.Dr. Herbert Watzke, Leiter der Palliativstation an der Medizinischen Universität Wien: "Es ist unbedingt notwendig, dass wir diesen Weg gehen, dass es eine spezialisierte Ausbildung gibt, ob das jetzt der Facharzt oder ein Zusatzfach Palliative Care ist, sei dahingestellt." Denn die Tatsache, dass es bis dato keinen solchen Spezialisten gibt, führe immer wieder zu Friktionen. Oft trage ein Mediziner die Letztverantwortung bei der Therapie eines Sterbenden, der in der Palliative Care nicht ausreichend ausgebildet ist.

16 Länder haben bereits den Palliativmediziner


Österreich wäre mit der Einführung eines Facharztes für Palliative Care kein Wegbereiter, im Gegenteil. In 16 europäischen Ländern gibt es diesen schon, wie etwa in Großbritannien seit über 20 Jahren, in Deutschland oder auch in Rumänien und der Ukraine. Für Harald Retschitzegger, Präsident der OPG, ist die derzeitige Lage in Österreich übrigens paradox. Es werde gerade viel über das Sterben in Würde diskutiert, nicht zuletzt dank der parlamentarischen Enquetekommission.

Gefordert würden mehr Hospize, mehr mobile Palliative Teams etc., aber man stelle sich dabei nicht die Frage, wer die Arbeit machen soll. Aus seiner Sicht ist es daher wesentlich, sich auch Gedanken über die Kompetenzentwicklung und die Berufsausbildung zu machen. "Das muss Hand in Hand gehen, damit wir auch wirklich die ausreichende Zahl von Experten und Expertinnen haben, die dann diese zu entwickelnden Dienste forcieren und besetzen können."